Was bisher geschah…
Anna`s Vergangenheit:
Damals war ich mit meiner ersten und bisher einzigen Freundin zusammen. Laura. Sie schenkte mir den Himmel auf Erden. Sie schenkte mir Sicherheit. Und Geborgenheit. Für ein Jahr schwebte ich auf der berühmten „Wolke 7“, es war das schönste Jahr in meinem Leben. Dann starb sie und meine Wolke warf mich ab, warf mich zurück auf die harte Erde und rief mich zurück in die Realität, in die wirkliche, harte Welt. Das ist 12 Jahre her. Ich hatte danach nie wieder eine Freundin, konnte niemandem mehr vertrauen, nicht einmal Gott.
Shane`s Vergangenheit:
Ich war 14. In der Nachbarschaft meiner letzten Pflegefamilie gab es einen Jungen. Marcus. Irgendwann gestand er mir, dass er in mich verliebt war. Ich schaute ihn einfach nur an.
„Marcus, ich bin aber nicht in dich verliebt. Ich bin lesbisch.“
Ohne ein Wort zu sagen, schlug er mir zwei Mal ins Gesicht. Er schlug ein drittes Mal zu und öffnete meine Hose. Riss meine Bluse auf. Entblößte mich. Er hörte nicht auf. Er drang in mich ein. Ich schrie auf. Er stieß und stieß, immer wieder. Fügte mir unglaubliche Schmerzen zu. Schmerzen, die ich nie wieder zu spüren bekommen will. Dann wurde um mich herum alles schwarz.
An irgendeinem Bahnhof lernte ich Clive kennen. Mit ihm bin ich von dort an anschaffen gegangen. Es war eine schlimme Zeit.
Ich fand Trost in Heroin. Schon in der Zeit mit Clive habe ich es öfter konsumiert. Es half mir zu schlafen, mir tat nichts mehr weh, ich fühlte mich frei.
Sie [Bette] weiß mehr über mich, als sie zugibt. Sie ist die einzige, der ich je etwas über mich erzählt habe. Nicht von der Vergewaltigung. Aber von meinem Leben in den >Foster Homes<. Von meinem Leben ohne Eltern. Und von meinen nächtlichen Taten auf dem Santa Monica Boulevard.
Und sie war da. Hat mich vielleicht mehr unterstützt, als sie selbst bemerkt hat. Sie hat mich von meinem Straßenleben befreit. Sie habe ich mir als eine Art Ersatzmutter ausgesucht. Ich liebe sie auf eine Weise, auf die ich vielleicht meine eigene Mutter geliebt hätte, wäre sie für mich da gewesen.
„Wie heißt du?“
„Oh, ich bin Anna.“
„Freut mich. Shane.“ Wir reichen uns die Hand. Ich spüre das Knistern, wie ein leichter Stromschlag, der mich durchfährt.
„Shane, deine Nase.“
Ich fasse mir ins Gesicht und spüre die warme Flüssigkeit an meiner Hand herunter laufen. Ich blicke meine Hand an. Blut.
Unsere Lippen berühren sich und verschmelzen zu einem leidenschaftlichen Kuss.
„Bette, es ist Zeit, dir etwas zu erzählen ...[…] Er vergewaltigte mich.“
„Shane … es geht nicht, okay? Es geht einfach nicht. Nicht so.“
„Was? Was meinst du damit, es geht nicht?“
„Das mit uns.“
Ich sehe Shane, ich sehe ihr Gesicht. Ihr wunderschönes Gesicht. Und ich sehe das Auto, das mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit auf sie zurast, während sie fällt. Ich renne und renne. Doch nicht schnell genug. Ich muss mit ansehen, wie das Auto Shane rammt. Dann gibt es einen dumpfen Aufprall. Und das nächste, was ich sehe, ist, wie Shane auf dem Boden liegt. Überall ist Blut.
Shane ist aufgewacht. Gott sei Dank. Ich bin so froh. Sie wird leben, unsere Shane.
Ich spüre das Gefühl der Erleichterung in mir hochsteigen. Doch gleichzeitig ist da die Angst. Die Angst vor dem, was uns noch erwartet.
„Sie kann sich nicht mehr an die Geschehnisse erinnern. Sie weiß nicht, warum sie hier ist. Erinnerungslücken sind nach einem Schädel-Hirn-Trauma jedoch ganz normal.“
„Ich liebe dich. So sehr.“
„Ii… liieebe diiaau.“ Sie weiß, was ich meine, auch wenn ich es nicht richtig aussprechen kann.
18. Kapitel:
2 Tage später…
Bette`s POV:
Es sind nun zwei Tage vergangen, seitdem Shane aufgewacht ist. Es geht ihr immer noch nicht gut, aber zumindest etwas besser. Sie schläft viel, und das ist auch gut so.
Sie spricht schon viel besser. Manche Laute, die ihr vorgestern noch viele Probleme bereitet haben, kann sie jetzt fehlerfrei aussprechen. Und sie sagt, dass sie schon um einiges klarer sehen kann.
Ich bin so froh, dass es ihr besser geht. Aber sie hat immer noch Schmerzen. Außerdem macht der Ärztin, wie sie sagt, Shanes linkes Bein Sorgen. Sie hat auch Schwierigkeiten, den linken Arm zu bewegen, aber die Ärztin meint, sie könne ihn spätestens in ein paar Wochen wieder problemlos bewegen. Zum Glück. Denn andernfalls wäre sie vielleicht nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben.
Aber was wird mit dem Bein werden? Was, wenn es gelähmt bleibt und sie es nie mehr richtig benutzen kann?
Ich bin auf dem Weg zu Shanes Zimmer. Dort angekommen, sehe ich, wie Dr. Cohen gerade aus dem Raum tritt und auf irgendeinen Zettel in ihrer Hand blickt. Ihr Gesichtsausdruck verrät mir nichts Gutes.
„Guten Morgen.“
Sie sieht auf und lächelt.
„Guten Morgen, Miss Porter.“
„Wie geht es Shane.“
„Nun ja, sie ist immer noch sehr schwach. Sprechen fällt ihr sehr schwer, es ist pure Anstrengung für sie. Aber es ist auch schon viel besser geworden, durch die Sprechübungen, die unsere Logopäden mit ihr machen.
Ihr Gesundheitszustand hat sich soweit verbessert, dass wir sie von der Intensivstation auf eine normale Station verlegen können.
Des Weiteren schlägt die Physiotherapie eigentlich ganz gut an, aber…“.
„Das Bein“, vollende ich.
„Richtig. Das Bein macht mir Sorgen. Sie hat immer noch kein Gefühl darin. Das muss bis jetzt noch nichts heißen, es kann sich von einem Tag auf den anderen ändern, aber sollte dies nicht so sein, dann…“.
„Was dann?“
Ich werde etwas nervös.
„Nun ja, durch das Liegen und die Bewegungslosigkeit können sich unter Umständen Druckstellen bilden. Die Muskeln können sich zurückbilden. Und im schlimmsten Falle müssen wir amputieren. Es tut mir Leid.“
Ich stehe da wie vom Donner gerührt.
Amputation?
Nein, das kann nicht sein. Das darf einfach nicht geschehen.
~*~
Anna`s POV:
Ich sehe auf die Uhr. Gleich 8.
In einer halben Stunde treffe ich mich mit Alice. Wir fahren ins Krankenhaus zu Shane.
Plötzlich klingelt das Telefon. Wer kann das sein?
Ich hebe ab und bin überrascht, die Stimme meiner Mutter zu hören.
In Deutschland ist es jetzt 11 Uhr nachts. Ist sie extra so lange aufgeblieben, nur um mich anzurufen?
„Mensch, Kind. Warum meldest du dich denn nicht? Wir machen uns Sorgen um dich.“
Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich wollte ja anrufen, aber irgendwie hatte ich Angst davor. Ich weiß ja nicht, wie sie reagiert hätte, wenn ich ihr von Shane erzählt hätte. Unser gutes Verhältnis, das alles ist noch so neu für mich.
„Entschuldige bitte, Mama. Ich… es tut mir wirklich Leid, die letzten Tage gingen einfach drunter und drüber.“
Ein paar Sekunden herrscht Stille.
„Ja… ist schon gut. Nun sag schon, wie geht es deiner Freundin? Shane?“
Die Frage überrascht mich.
„Na ja, es… es geht ihr den Umständen entsprechend. Sie lebt, das ist erstmal das Wichtigste. Aber sie muss vieles über sich ergehen lassen und sie braucht jetzt viel Durchhaltevermögen. Aber ich bin mir sicher, dass sie wieder gesund wird.“
„Ja, Schatz, das wird sie. Bestimmt.“
Ich habe das Gefühl, sie will noch etwas sagen, doch sie zögert. Dann überwindet sie sich schließlich.
„Anna, ich dachte eigentlich, dass ihr… dass ihr uns vielleicht zu Weihnachten besuchen kommen könntet.“
An Weihnachten habe ich noch gar nicht gedacht. Es sind noch knapp 7 Wochen bis dahin.
„Mama, sei mir nicht böse, aber ich glaube kaum, dass für Shane so ein langer Flug gut wäre. Sie muss sich schonen. Ich weiß noch nicht mal, wann sie aus dem Krankenhaus kommt.“
„Ach so, ja.“
Sie klingt traurig.
Wieder habe ich ein schlechtes Gewissen.
Doch plötzlich schießt mir eine Idee in den Kopf.
„Aber warum besucht ihr uns nicht in L.A.? Ich würde mich freuen. Ehrlich.“
„Wirklich? Wäre das in Ordnung?“
„Klar. Ihr wollt doch bestimmt auch mal sehen, wie ich lebe, oder?“
„Ja, natürlich. Ach Anna, ich freu mich so.“
Nach einigem Small Talk sage ich ihr, dass eine Freundin von mir mich gleich abholt und wir verabschieden uns.
Ich hoffe nur, dass es Shane recht ist, dass ich meine Eltern zu Weihnachten eingeladen habe.
~*~
Shane`s POV:
Das alles hier macht mich verrückt.
Alles, was ich tue, ist hier auf meinem Bett liegen, an die Decke starren und den Geräuschen der Maschinen lauschen, die noch immer an mir angeschlossen sind.
Wann werden diese Schmerzen endlich zurückgehen? Die Schmerzen in meinem Kopf. In meiner Brust. In den Gliedern. Überall. Wann?
Jeder sagt mir, ich müsse Geduld haben. Und ich kann es langsam nicht mehr hören.
Geduld. Was ist das überhaupt für ein Wort? Es beschreibt einen Zeitraum, der vielleicht nie zu einem Ende kommt. Was, wenn es so ist? Was, wenn es nie wieder wird wie früher?
Ich meine, ich merke, dass ich Fortschritte mache. Meine Gelenke, außer die im linken Bein, kann ich jeden Tag besser bewegen. Meine Sicht wird immer klarer. Und die Erinnerung kommt langsam zurück.
Und trotzdem ist alles anders.
Ich habe mir viele Gedanken gemacht während der letzten beiden Tage. Genug Zeit dazu hatte ich ja.
Anna und ich haben uns zwar versöhnt. Dennoch ist eine Kluft zwischen uns. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Es muss etwas sein, worüber sie nicht oder nicht gern spricht. Vielleicht habe ich es geträumt, aber es ist, als ob mir eine innere Stimme ihre Geschichte erzählt hat. Während ich schlief. Während ich mit dem Tod kämpfte.
Aber ich will sie nicht darauf ansprechen, sie soll es mir von alleine sagen. Sie soll das Gefühl haben, dass sie mir vertrauen kann.
Ich verschweige ihr ja auch etwas.
Die Sache mit der Vergewaltigung. Mit der Prostitution. Mit den Drogen. Das alles will ich ihr zwar sagen, mein Vertrauen hat sie. Und doch kann ich es nicht. Ich habe Angst davor.
Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Bette kommt in mein Zimmer. Mit einer Schwester, die ich noch nicht kenne.
„Hey, Shane.“
Ich lächle Bette zu.
„Guten Morgen, Miss McCutcheon. Ich bin Schwester Lynda. Wie geht es Ihnen denn heute?“
„Besser.“
„Na, das freut uns doch!“
Lynda misst Fieber und meinen Blutdruck und gibt mir einen neuen Infusionsbeutel.
Dann lächelt sie mich an.
„Miss McCutcheon, ich habe gute Nachrichten für Sie. Wir denken, dass Sie soweit stabil sind, dass wir Sie eine Station tiefer legen können.“
Endlich. Endlich komme ich aus diesem Zimmer raus. Fast wäre ich hier durchgedreht. Kein Fenster, keine frische Luft. Nur das dunkle Zimmer, mit den weißen Wänden, dem schwachen Licht und all den Maschinen.
Schwester Lynda legt den Infusionsbeutel auf mein Bett und beginnt, die Schläuche von den Maschinen zu lösen und sie ebenfalls neben mich zu legen. Dann macht sie das Bett von den Befestigungen ab und beginnt zu schieben.
„Miss Porter, würden Sie die Tür bitte aufhalten?“
„Natürlich.“
Bette läuft zu der breiten Tür und hält sie auf, so dass die Schwester mich durchschieben kann. Und wider Erwarten passt das Bett auch tatsächlich durch.
Ich werde über sämtliche Gänge geschoben, dann in einen Aufzug, der uns ein Stockwerk tiefer bringt. Ein komisches Gefühl überkommt mich, doch sobald wir wieder auf dem Gang sind, ist es weg. Während wir durch einen Glastrakt kommen, kann ich kurz die Natur draußen beobachten, den wunderschönen Park rund um die Klinik mit den vielen Bäumen und Bänken überall. Wie gern wäre ich auch da draußen, frische Luft schnappen und die Vögel beobachten. So lange habe ich das alles schon nicht mehr gesehen. Zumindest kommt es mir so vor.
„So, Miss McCutcheon, wir sind da.“
Schwester Lynda schiebt mich in ein Zimmer auf den leeren Platz zu, wo sie mein Bett wieder festmachen wird.
Auf dem anderen Bett daneben sitzt eine ältere Frau, vielleicht Mitte Sechzig, die beide Arme eingegipst hat.
„Miss McCutcheon, das ist Misses Sullivan.”
“ Guten Tag, Misses Sullivan, nennen Sie mich ruhig Shane.”
„Hallo Shane, leider kann ich Dir nicht die Hand geben“, lacht sie, „ich bin Kathy.“
Wow. Ich darf sie Kathy nennen. Sie scheint wirklich nett zu sein.
Schwester Lynda hängt die Infusionsflasche wieder an den Ständer und beginnt, mich an die Maschinen anzuschließen. Zum Glück piepen diese aber nicht, sondern zeigen nur die Werte an.
Dann lässt sie uns allein.
~*~
Alice`s POV:
In der Klinik angekommen, steuern wir auf Shanes Zimmer zu. Anna geht voraus und man meint, sie will einen Marathon gewinnen, so schnell läuft sie. Ich komme fast nicht hinterher. Aber ich kann sie ja auch verstehen, sie will ihre Shane so schnell wie möglich wieder sehen.
Doch als wir auf die Intensivstation gelangen, sehe ich, dass die Tür offen steht und eine Putzkraft alles desinfiziert. Anscheinend ist das auch Anna gleich aufgefallen, denn sie bleibt stehen.
Was ist los?
Ich sehe Anna an und bemerke, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen ist.
„Ann, was hast du?“
„Was ist da passiert? Wo ist Shane?“, sagt sie. Mehr panisch als normal.
„Ich weiß nicht, vielleicht ist sie in einem anderen Zimmer.“
„Wo ist sie? Ich will wissen, wo sie ist.“
Dann läuft sie auf die Putzfrau zu.
„Hallo. Können Sie mir sagen, wo Shane McCutcheon ist? Sie war bis gestern in diesem Zimmer.“
Die Frau schüttelt den Kopf.
„Tut mir Leid, Miss, das weiß ich leider nicht. Man hat mir nur gesagt, ich solle das Zimmer desinfizieren.“
„Oh mein Gott! Sie ist doch nicht … Nein. Nein, sie ist doch nicht etwa… „.
„Ann, beruhige dich. Das wird schon alles seine Richtigkeit haben-„
„Ich will mich nicht beruhigen, ich will wissen, wo Shane ist, verdammt noch mal!“
So aufgebracht habe ich sie noch nie gesehen.
„Komm, setz dich erst mal“, sage ich zu ihr, denn sie sieht sehr müde aus.
Wir gehen zu den Stühlen auf der anderen Seite des Ganges.
„Alice, was haben sie mit ihr gemacht? Wo haben sie meine Shane hin gebracht?“
„Ich weiß es nicht, Anna. Aber es klärt sich bestimmt alles auf.“
Nach einiger Zeit sagt Ann langsam: „Alice, sie ist doch nicht tot, oder? Sie lebt, nicht wahr? Sie muss leben. Sie kann mich nicht auch allein lassen“
Ihre Worte machen mich sprachlos. Was meint sie damit? Wer hat sie allein gelassen?
Ich stehe auf.
„Ich suche Dr. Cohen. Sie kann uns bestimmt weiterhelfen.“
Doch so weit komme ich nicht, denn die Ärztin kommt um die Ecke.
Anna springt sofort auf.
„Wo ist Shane?“, platzt sie heraus.
Die Ärztin sieht sie an.
„Wo ist sie? Wo haben Sie sie hin gebracht?“
Dr. Cohen packt Anna an den Schultern.
„Beruhigen Sie sich. Es ist alles in Ordnung. Wir haben Ihre Freundin auf ein anderes Zimmer verlegt.“
Auf Annas Gesicht ist deutlich die Erleichterung zu sehen. Und auch ich bin froh, dass nichts passiert ist.
Plötzlich fällt Anna Dr. Cohen um den Hals und fängt an zu weinen.
„Oh, Gott sei Dank. Ich danke Ihnen. Danke!“, schluchzt sie.
Die Ärztin legt ihre Arme um sie.
„Dafür bin ich da.“
~*~
Anna`s POV:
Niemand kann sich vorstellen, wie erleichtert ich gerade bin.
Ich habe wirklich geglaubt, Shane hätte es nicht geschafft und ihr Zimmer wäre deshalb leer.
Für ein paar Minuten habe ich geglaubt, ich verliere wieder das, was mir am wichtigsten ist. Das, was ich am meisten liebe. Shane.