HomeForumGästebuch

Angaben zur Story

Autor: -Kate-
E-Mail: angel-kate2@web.de
Altersfreigabe: PG-13
Teil: Teil 12 / Kapitel 10.2
Spoiler: Season 1
Inhalt: Annas Vergangenheit
Genre: Drama
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Shane/Anna
Disclaimer: I do not own the characters in this story, nor do I own any rights to the television show "The L Word". It all belongs to the writers and of course Showtime.

The Power of Love - Teil 12

Anna`s POV:

Am Flughafen angekommen, habe ich meinen Koffer geholt und steuere jetzt mit meinem Gepäck auf den Ausgang zu. Schon von weitem sehe ich meine Eltern, die mir lachend zuwinken.
Ich winke zurück und gehe auf sie zu.

Ich nehme meine Mutter in den Arm und begrüße sie.
„Hey Mama, ich hab euch wirklich vermisst.“
„Wir haben dich auch vermisst, Schätzchen.“
Dann drehe ich mich um und umarme meinen Vater.
„Hallo Anna, du bist groß geworden“, lacht er.
„Dad, hör auf damit. Ich bin nicht größer als beim letzten Mal.“
„Ich weiß, ich wollte nur diesen Satz sagen.“
Wir lachen alle. Mein Vater nimmt den Koffer und wir gehen hinaus zum Parkplatz, auf dem das Auto steht.

„Erzähl doch mal, wie ist es in den Staaten?“
„Weißt du, Mama, es ist toll! Ich fühle mich wirklich wohl da drüben. Versteh mich falsch, Deutschland ist und bleibt meine Heimat, aber Los Angeles ist einfach … ich habe keine Ahnung, wie ich mich ausdrücken soll.“
„Ja, ich weiß, Anna. Du wolltest dort hin ziehen, seit wir das erste Mal da waren. Wie lange ist das her?“
„Meine Güte, das sind fast 20 Jahre.“
„So lange? Ich kann es fast nicht glauben, dass es schon so lange her ist. Du warst ein kleines Mädchen.“

Ich erinnere mich. Ich war 7 beim ersten Mal. Mein Vater hatte geschäftlich in Orlando zu tun. In Florida. Meine Mutter und ich sind mit gekommen. Die erste Woche haben wir zu zweit dort verbracht, weil Dad arbeiten musste. Wir waren im DisneyWorld, im GatorLand, sogar im Kennedy Space Center, wo wir den Start eines Space Shuttles gesehen haben. Es war toll. Und in der zweiten Woche sind wir alle zusammen nach Miami gefahren und später nach Key West, also in den letzten Winkel Floridas. Ich werde nie die Sonnenuntergänge dort vergessen. Sie waren wunderschön.

Drei Jahre später waren wir noch einmal dort. Dieses Mal sind Mom und ich erst angereist, als Daddy schon mit arbeiten fertig war. Wir hatten 2 Wochen zu dritt.

Einmal waren haben meine Mutter und ich Dad zu einer Geschäftsreise nach Dallas, Texas begleitet. Es war ziemlich heiß, aber genau das war es, was ich so liebte. Die Hitze. Die 40 Grad im Schatten. Jeden Tag.
Ich glaube, ich war 14.

In dem Jahr, in dem Laura starb, war ich in den Sommerferien in Kalifornien. Es war eine Art Sprachreise. Und es war die schönste Reise, die ich je gemacht habe. Ich wusste, dass ich irgendwann dort hin gehen würde. Nach Kalifornien. Ich wusste von dem Tag an, an dem ich aus dem Flieger stieg, dass ich irgendwann dort leben würde.
Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich mit Laura zusammen dort ein neues Leben anfangen würde. Und ich fand immer mehr Gefallen an diesem Gedanken.

Es sollte nicht sein. Ein paar Monate darauf, genau genommen drei, hatte Laura diesen grausamen Autounfall und starb.

„Anna?“
Ich schrecke aus meinen Gedanken. Meine Mutter sieht mich an.
„Was?“
„Geht es dir nicht gut?“
„Doch. Doch, es ist nur … ich habe mich an die USA-Reisen mit euch erinnert.“
Mom lächelt.
„Und, was ist mit der Liebe? Hast du einen Freund?“
Ich schaue sie verärgert an. Warum kann sie es nicht akzeptieren, dass ich lesbisch bin? Warum kann sie mich nicht einfach hinnehmen, so, wie ich bin?
„Mama, ehrlich gesagt, habe ich gestern mit meiner Freundin Schluss gemacht.“
Sie dreht sich um und sieht aus dem Fenster. Mein Vater schenkt mir einen missbilligenden Blick.
Den Rest der Fahrt bleiben wir stumm.

-----

Ich sehe mich in meinem alten Zimmer um. Es hat sich nichts verändert. Alles steht noch an dem Platz, an dem ich es zurück gelassen habe.

Ich lege mich aufs Bett und starre an die Decke.
Warum können sie es nicht einfach akzeptieren? Diese Frage stelle ich mir immer wieder.
Wieso behandeln sie mich in Bezug auf dieses Thema wie eine Kriminelle? Ich kann nichts dagegen machen, dass ich auf Frauen stehe. Und selbst wenn, ich würde gar nichts ändern wollen. Ich bin zufrieden mit meinem Lebensstil.

Ich denke an Shane. Ich weiß, wie sehr ich ihr mit meinem Verhalten wehgetan habe. Ich bin gegangen, obwohl sie mir beweisen wollte, dass sie sich ändern kann und will. Ich habe sie angelogen. Und es tut mir so unendlich leid.
Ich hoffe, dass sie darüber weg kommt. Und ich hoffe, dass sie bald nicht mehr leidet. Ich will sie nicht leiden sehen.

Ich bin müde. Jetlag. Eigentlich könnte ich auf der Stelle einschlafen.
Aber wenn ich schon da bin, muss ich dem Rest meiner Familie schon einen kleinen Besuch abstatten. Schließlich sieht man sich nicht alle Tage.
Ich stehe auf und mache mich fertig.

-----

Ich habe mich riesig gefreut, meine beiden Patenkinder wiederzusehen. Und sie wiederum haben sich riesig gefreut, mich zu sehen. Gut, vielleicht war es auch nur wegen den Geschenken, die ich ihnen mitgebracht habe…
Aber sie sind so groß geworden. Oder bin ich nur alt geworden?
Das Treffen mit den beiden Kindern hat mich jedenfalls wieder aufgefrischt. Belebt. Kinder sind etwas Tolles.
Doch gleichzeitig fühle ich mich auch sehr ausgelaugt. Es war trotz allem ein anstrengender Nachmittag.

Ich wünsche meinen Eltern eine gute Nacht und lege mich ins Bett. Lange denke ich nach. Über Shane.
Und über Laura. Morgen vor 12 Jahren ist sie von mir gegangen. Es ist schon so lange her. Und trotzdem kommt es mir so vor, als wäre es gestern gewesen.

-----

Am nächsten Morgen …

Ich öffne die Augen und strecke mich in den Tag.
Irgendwie tat es gut, mal wieder in meinem alten Bett zu schlafen.

Ich genieße die Sonne, die mir ins Gesicht scheint, obwohl es schon Anfang November ist.
Und dann realisiere ich, welcher Tag heute ist. Der Tag, an dem sich vor 12 Jahren mein ganzes Leben verändert hat. Der Tag, an dem ich das verlor, was mir am wichtigsten war.

Ich fühle mich unwohl. So verlassen. So allein. Genauso fühlte ich mich vor 12 Jahren. Ich kann mich noch sehr detailliert an alles erinnern.

~*~

Anna saß in ihrem Zimmer und las ein Buch. Sie hatte es von ihrer Cousine zum 16. Geburtstag bekommen.

Es war Samstag. Anfang November. Es war kalt und für diese Zeit gab es ungewöhnlich viel Schnee.

Anna erwartete Besuch. Laura hatte sich angekündigt.
Laura… ihre Freundin.
Aber nicht irgendeine Freundin. Nein, es war ihre Freundin. Und das seit über einem Jahr.

Anna war glücklich. Sie war glücklich, obwohl niemand außer Laura dieses Glück mit ihr teilen konnte. Und trotzdem empfand sie in Lauras Nähe Geborgenheit und das Gefühl, verstanden zu werden.

Anna lächelte, als der Anruf kam. Der Anruf, der ihr ganzes Leben mit einem Schlag ändern sollte.

Sie hob ab.
„Anna?“
„Oh, hi, Elli! Was gibt`s?“
Elena war eine gute Freundin von Laura. Sie wusste wie jeder andere nichts davon, dass die beiden zusammen waren.
Ihre Stimme klang seltsam aufgeregt und gleichzeitig ruhig.
„Anna, ich muss dir was sagen. Es ist etwas Schreckliches passiert!“

Annas Atem stockte. In diesem Moment wusste sie, dass es etwas mit Laura zu tun hatte.
„Anna? Bist du noch da?“
Sie schrak aus ihren Gedanken und kehrte in die Realität zurück.
„Ja … ja. Was? Was ist geschehen?“
„Es gab einen Unfall“, sagte Elena leise und fing an zu schluchzen.
Anna wurde ungeduldig. „Jetzt sag schon. Was ist passiert, Elli?“
Elena seufzte. „Laura ist tot.“

Es traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Wie ein Messer mitten ins Herz.
Laura. Ihre Laura. Tot. So plötzlich. Das ist nicht wahr.
Sie hörte Elena weiter schluchzen und wusste, dass es die Realität war. Laura würde nie mehr zu ihr zurückkommen.
„Danke, Elli, dass … dass du mir Bescheid gegeben hast.“
Damit legte sie auf.

Da stand sie nun. Mitten im Raum. In der Hand das Telefon. Sie starrt auf den Boden. Unfähig zu denken. Unfähig, sich zu bewegen.
Langsam hebt sie den Kopf und blickt in den Spiegel, der ihr gegenüber an der Wand hängt.

„Ich werde stark sein“, sagt sie zu sich selbst, „ich muss stark bleiben. Niemand soll wissen, dass wir uns so sehr geliebt haben, denn es ist das einzige, was mir von dir bleibt. Deine Liebe. Ich werde sie immer in meinem Herzen tragen.“

~*~

Ich sehe mich im Zimmer um und ich bleibe an der Stelle hängen, an der ich damals stand. Mein Blick wandert weiter zum Spiegel. Ich stehe auf und stelle mich davor. Ich sehe mich an und versuche mir das Bild vor Augen zu führen, das ich vor zwölf Jahren in diesem Spiegel sah.
Doch dann realisiere ich, dass ich nicht mehr in diese Zeit zurückkehren kann.

Ich drehe mich um und suche meine Kleidung zusammen. Meine schwarze Kleidung. Die Farbe der Trauer.

-----

Zum Friedhof brauche ich etwa eine Stunde. Ich habe mir das Auto meiner Mutter geborgt und bin gleich nach dem Frühstück losgefahren.

Die Gegend hier ist wunderschön. Es gibt viele Bäume mit Bänken darunter.
Jedes Mal, wenn ich herkomme, versuche ich mir vorzustellen, wie es im Sommer hier aussieht. Und ich komme immer zu dem Schluss, dass es einfach wundervoll sein müsse. Grün. Pure Natur.
Aber ich würde nie auf die Idee kommen, eines Tages im Sommer zum Friedhof zu gehen, wenn alles grün ist.
Nein. Hierher komme ich nur an einem Tag im Jahr. Und heute ist dieser Tag.

Ich steige aus dem Auto und sehe mich um. Das alles erinnert mich an den kleinen Park in Los Angeles. In der Nähe des Planets.
Natürlich stehen dort keine Gräber. Aber die Atmosphäre, die Bäume überall, die Bänken – das alles scheint so vertraut.

Meine Gedanken schweifen zu Shane. Mir geht der Tag durch den Kopf, an dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. In eben diesem Park. Auf der Bank. Es war so wunderschön.

Dann realisiere ich, dass ich an diesem Tag nicht an Shane denken darf. Dieser Tag gehört Laura.
Ich erinnere mich daran, wie ich Laura zum ersten Mal geküsst habe.

Damals wusste ich nicht von meiner Homosexualität. Und trotzdem fand ich Laura immer attraktiv. Immer wollte ich so sein wie sie.
Und eines Tages, es war an einem Tag im Sommer auch in einem kleinen Park in der Stadt, passierte es. Ganz plötzlich.
Laura zog mich zu sich heran und küsste mich.

Bei der Erinnerung daran muss ich lächeln, auch wenn mir nicht danach zumute ist.

Ich öffne das Tor und steuere auf Lauras Grab zu.
Es stehen frische Blumen darauf. Eine Christrose, die im Winter blüht. Lauras Mutter war schon da.
Ich habe keine Blumen dabei. Sie würden ohnehin innerhalb von ein paar Stunden verdorren.

Ich schaue mir den Grabstein an. Er ist rotbraun. Wunderschön. Darauf liegt Schnee.
Ich weiß, dass Laura hier in Frieden ruhen kann.

„Es ist schrecklich, wenn der Herr einen Menschen so früh aus dem Leben nimmt.“
Erschrocken drehe ich mich um. Vor mir steht der Pfarrer in seinem schwarzen Gewand und lächelt mich an. Ich lächle zurück.
So lange schon habe ich keinen Pfarrer mehr gesehen. So lange schon war ich nicht mehr in der Kirche.

„War sie eine Bekannte von Ihnen?“
Ich seufze bei dieser Frage.
„Nein … nein, sie … Sie war meine Freundin.“
Er lächelt weiter. Und ich weiß nicht, warum ich ihm das erzähle.
„Sie war die Liebe meines Lebens.“

Ich erwarte etwas Ähnliches wie eine wütende Predigt über Homosexualität in Assoziation mit dem Bösen. Schließlich ist es für die meisten unchristlich.
Aber nichts dergleichen. Er lächelt nur. Und sein Lächeln ist so warm. Ich fühle mich plötzlich wohl.
Er zeigt auf die Bank neben sich und wir setzen uns nachdem wir den Schnee mit der Hand weggefegt haben.

„Wissen Sie … wenn Gott einen Menschen aus dem Leben nimmt, dann hat dies meistens einen Grund. Er wollte Ihnen damit bestimmt nicht wehtun.“
Ich beiße die Zähne zusammen.
„Das hat er aber.“
„Es tut immer weh, wenn jemand stirbt. Die Vorstellung, diesen jemand nie wieder zu sehen überwältigt uns und zwingt uns in die Knie.“
Ich blicke zu Boden. Dann schaue ich ihn an.
„Ich sehe Trauer in ihren Augen. Unterdrückte Trauer. Lassen Sie es endlich heraus, es wird Ihnen helfen.
Ich beobachte Sie nun schon jahrelang. Jedes Jahr an diesem Tag kommen Sie hierher. Aber ich habe Sie nie weinen sehen.“

Die Aussage, dass er mich jedes einzelne Jahr beobachtet hat, schockiert mich irgendwie.

„Ich kann nicht weinen.“
„Jeder kann weinen. Es ist wichtig zu weinen.“
„Nein.“
Er lächelt wieder. Ich frage mich, warum.
„Sie müssen endlich weiter leben. Sie sind jung und sollten das Leben genießen.“
Er steht auf.
„Es hat mich gefreut.“
Er reicht mir die Hand. Ich nehme sie. Dann geht er davon.

Ich sehe hinüber zum Grab. Der rote Stein. Mit der goldenen Inschrift.
Ich rufe mir Lauras Bild in Erinnerung.
Über meine Wange rinnt eine einzelne Träne.